|
Meine lieben Bewohner
der norddeutschen Tiefebene, ich möchte euch heute mit einem exotischen
Brauch bekannt machen, den man weit im Süden unseres Landes noch
antreffen kann. Im Stamm der Bayern hat sich – trotz des Kriegsrufs
„Laptop und Lederhose!“ - ein Brauch erhalten, der vollkommen auf die
heute üblichen elektronischen Hilfsmittel verzichtet. Es handelt sich
dabei um das von Alters her zur Schau gestellte „Mir san mir!“
Dazu werden nur die Gaben der Natur in Form hoher Fichtenstämme
einerseits und muskelbepackter Naturburschen andererseits benötigt. Es
geht darum, das eigene Revier zu markieren mit einem Symbol der
Manneskraft, im Vergleich mit dem die Burschen der umliegenden Reviere
„den kürzeren ziehen“.
Die korrekte Bezeichnung
für dieses Denkmal eines mindestens gesunden Selbstbewusstseins ist
„Maibaum“, auch wenn man immer mal wieder Ausdrücke wie „Brauchtumsstangerl“
oder „Dorfpfahl“ hört. Der Gebrauch dieser Worte ist gegenüber
Eingeborenen nicht empfehlenswert.
Was ist es also für ein
Teil? Im Endzustand handelt es sich um eine in den Boden eingepflanzte
Holzstange von – sagen wir mal – 80 Meter Höhe. Die Bodenständigkeit
dieser Stange wird durch Bemalung mit weißblauen Spiralen und
Rautenmustern betont. Schließlich hat der hier ansässige Stamm der
Bayern den weißblauen Himmel erfunden. Im letzten Arbeitsgang werden
beiderseits des Stammes Bildnisse der örtlichen Gewerbebetriebe und
sonstiger Fallensteller montiert. Eine Wetterfahne an der Spitze des
Stammes zeigt zwar korrekt die jeweilige Windrichtung an, aber das
ändert nichts daran, dass hier alles so bleibt, wie es immer war.
Wenn die Stange fertig
ist, heißt sie Maibaum und wird am 1. Mai feierlich errichtet. Doch
bevor es so weit ist, sind noch harte Wochen zu überstehen. Ich will
versuchen, das Problem vorsichtig auszudrücken.
Liebe Norddeutsche, von
euch da oben ist der Balkan weit weg. Aber ihr wisst schon, dass die
Begriffe Mein und Dein da unten gern etwas verschwimmen. Das mag an dem
mediterranen Klima liegen. Nun ist das Wetter in Bayern aber oft auch
sehr schön, und Bayern liegt ja auf dem halben Weg zum Balkan. - Kurz
und gut, so ein Maibaum ist kostbar, und man weiß ja nicht, wie viel
balkanisches Blut durch die Adern der Burschen hinter dem Wald pulsiert.
Der Maibaum muss also bewacht werden. Rund um die Uhr. Dazu werden
Wachen eingeteilt, und die wachen auch - und halten sich mit Bier wach.
Trotzdem gelingt es den
Burschen hinter dem Wald
immer mal wieder,
den Maibaum zu STEHLEN! Weiß der Geier, wie sie das schaffen. Aber es
passiert immer wieder.
Nun zeigt sich eine
positive Seite der Nähe zum Balkan: die Händlerseele. Statt die
heimtückischen Diebe massiv körperlich zu verwarnen (wozu sie allemal in
der Lage wären), verhandeln die Bestohlenen erst einmal: Ihr kriegt ein
Fass Bier und „a gscheite Brotzeit“, wir kriegen den Maibaum
zurück, und ihr helft uns beim Aufstellen! So mach mas. Dadurch
entsteht Völkerverständigung, auch über größere Waldgebiete hinweg.
Hier muss noch ein Gebot
erwähnt werden, das auch durch die bösesten Buben nicht verletzt wird:
Wenn der Maibaum einmal weißblau gestrichen ist, dann ist es zu spät!
Dann ist der Maibaum tabu.
Am 1. Mai geht es dann
ans Aufstellen. Ja, und wie? Der Norddeutsche, schüchtern wie er ist von
Haus aus, fragt: „Ja, wie geht denn das, nur mit Natur?“ Die
Antwort klingt ungefähr so: „Des moch ma scho oiwei mit Schwaibin.“
Aber damit kann der
Norddeutsche nichts anfangen. Er ahnt zwar, dass dies der bayerische
Ausdruck für Schwalben ist, aber... Wo wollen die so viele Schwalben
herkriegen???
Es kommt aber ganz
anders. Viele kräftige kurzärmelige junge Burschen, deren Muskelkraft
durch eine Lederhose gebändigt ist, heben mit Gewalt und Hauruck den
noch schräg liegenden Maibaum stückweise hoch. Dazu benutzen sie lange
Stangen (Schwaibin!), die in Form eines A oben mit Gurten
verbunden sind. Muskeln und Hirn, alles Natur!
Wenn der Maibaum endlich
seine senkrechte Position erreicht hat, ertönt zur allgemeinen
Erleichterung ein Kanonenschlag! Dann schweift der Blick von den Helden
des Maibaums über den Marktplatz. Und siehe da, es wimmelt. Menschen
aller Größen, Alters- und Gewichtsklassen, teilweise gar lieblich
anzuschauen, wenn sie nach den Vorgaben des
Gebirgstrachtenerhaltungsvereins gekleidet und weiblich sind, oder
zünftig bis urig, wenn es Mannsbilder sind. Sie alle haben das Geschehen
interessiert verfolgt, nicht unbedingt ohne eine Maß Bier in der Hand.
Also das stimmt: Feiern können sie hier. Die brauchen nicht mal einen
richtigen Anlass.
Na ja, anstrengend ist
das schon, für die Burschen wenigstens. Da braucht man schon Mumm! Und
vorher schon den ganzen Raubzug organisieren, rein logistisch. Do
brauchts a Hirn, a boarischs.
Hund sans scho, de Bayern!
Am Beispiel Ebersberg
in Oberbayern habe ich hier mal dokumentiert, wie dieses Brauchtum
auch im Jahr 2014 noch voller Saft und Kraft ist.
|