Elche sind schon rein optisch sehr beeindruckende Tiere, aber man sollte auch darüber informiert sein, welche Gefahr von ihnen ausgeht. Lesen Sie dazu einen Bericht von Dorothee Teves:

Die Elche kommen!

Sie greifen Eisenbahnzüge an, stürzen sich durch Schaufenster und treiben jedes Jahr skandinavische Jäger in den Wahnsinn: Elche sind die Herrscher des Nordens - und ihre Tritte so tödlich, dass sie sogar ausgewachsene Grizzlys das Fürchten lehren.

Vorsichtig lugt Anneli Kähr in den Garten. „Plan A" bedeutet sie ihrem Mann nun per Handzeichen. Und dann: Du hast acht Sekunden Zeit. Johan nickt tapfer, signalisiert ein optimistisches „Okay" zurück - und bezieht mit seinem Korb Stellung neben der Küchentür.
Dann geht es los: Während Anneli das Fenster aufreißt, sprintet Johan in Richtung Gemüsebeet davon, rupft aus, was auszurupfen geht - und hetzt zurück ins Haus. Er schafft es genau zwei Herzschläge vor dem Elch, der sich wutschnaubend mit 800 Kilo Lebendgewicht gegen die Holztür wirft...

Was wie blanker Irrsinn klingt, ist in Wahrheit ein „geräuschvolles Ablenkungsmanöver" und wird vom schwedischen Naturschutzbund als „Strategie 3" im Umgang mit Garten-Elchen empfohlen. Mit Garten-Elchen? Ganz recht: Traditionell unterteilen die Skandinavier die Riesenhirsche nämlich in drei Kategorien: in Wald-, Stadt- und eben in Garten-Elche. Wirklich beliebt sind dabei nur jene Tiere, die in die erste Kategorie fallen. Denn alle anderen sind insbesondere für ihre ausgeprägte Zerstörungswut bekannt: Stadt-Elche verursachen vor allem in Schweden jedes Jahr Schäden von mehreren Hunderttausend Euro, weil sie sich kopflos durch Schaufenster und Balkontüren katapultieren. Warum die Tiere ein derartiges Verhalten zeigen, ist nicht bekannt Merkwürdigerweise aber fallen die Invasionen meist in die Jagdsaison - dann, wenn 270000 Waidmänner sich mühen, 90 000 Elche zu erlegen. Eine Rechnung, die allein durch die Überzahl der Jäger aufgehen müsste. Wären da nicht die Elche, die just in dieser Zeit zielstrebig in die Städte ziehen - dorthin, wo bekanntlich nicht geschossen werden darf. In jedem Fall enden die Einbruchs-Eskapaden der Tiere meist damit, dass sie versuchen, sich durch viel zu kleine Eingänge wieder ins Freie zu zwängen. Ein hoffnungsloses Unterfangen bei einer Schulterhöhe von fast 2,50 Metern.

Elche sind tödlicher als Bären.

In Alaska gibt es mehr Opfer durch Elche als durch Bärenangriffe...
Ihren Kameraden von der Gartenfront hingegen fallen regelmäßig ganze Obsternten zum Opfer. Außerdem teilen Garten-Elche iIhr auserkorenes Revier nicht gerne. Vor allem nicht mit den eigentlichen Gartenbesitzern - die müssen meist durch spezielle Anti-Elch-Einheiten von ihrem Belagerungszustand befreit werden. „Sobald wir einen Fuß in den Garten setzen, stürzt der Elch los, um uns den Weg zu versperren", sagt Anneli Kähr. „Versuchen wir, uns an ihm vorbeizuschleichen, wird er richtig böse ..."
Überhaupt verstehen die wenigsten Elche Spaß. Allein in Alaska sterben jedes Jahr mehr Menschen durch Elchangriffe als durch Bären. Vor allem Bullen in der Brunft reagieren recht empfindlich. Sie führen Kriege mit Telegrafenmasten, attackieren Autos. Ein besonders berüchtigter Bulle griff in einem Jahr sogar acht Eisenbahnzüge an, weil er ihr Tuten mit dem Ruf eines Konkurrenten verwechselte. Der Schaden belief sich auf 220 000 Euro und führte dazu, dass in Alaska seitdem Lotsenwagen vor den Zügen herfahren, um lauernde Elche zu verjagen ...
Immerhin: Ein einziger Tritt mit ihren 18 Zentimeter langen Hufen kann ausgewachsene Grizzlys töten und ganze Wolfsrudel in die Flucht schlagen. Elchkühe gelten sogar als die verteidigungsstärkste Tiermütter der Welt.

Fast perfekte Streitrösser

Nur der Jähzorn der Elche verhinderte ihren Armee-Einsatz...
Die Angriffslust der Tiere führte dazu, dass die schwedische Kavallerie im 18. Jahrhundert sogar versuchte, sie als Streitrösser auszubilden. Was kein schlechter Gedanke ist, da Elche sich ebenso reiten lassen wie Pferde und bis zu 125 Kilo auf ihrem Rücken tragen können. Außerdem, so glaubten die Generäle, würden gegnerische Armeen allein beim Anblick der gepanzerten Hirsche erstarren. Die Versuche allerdings scheiterten am jähzornigen Temperament der Tiere - der Lärm des Artilleriefeuers löste regelmäßige Wutanfälle bei ihnen aus.

Wie schnell der Zorn der Tiere entfacht ist, erklärt eine Broschüre des Alaska Tourism Board: Insgesamt werden dort zehn „dringend zu vermeidende Verhaltensweisen" genannt. Sehr schlecht zum Beispiel: kauern - das erhöht die Verwechslungsgefahr mit einem Wolf. Und ebenso unangebracht: Scheinwerfer aufblenden, hupen oder gestikulieren - wird alles als Kampfaufforderung interpretiert.
Wer nun aber glaubt, er sei auf der sicheren Seite, indem er betont langsam an einem Elch vorbeifährt, irrt ebenfalls: Dieses „untypische" Verhalten lockt die Tiere erst recht an - sie reagieren umso ärgerlicher, wenn sie enttäuscht feststellen, dass sie nur einem Auto auf den Leim gegangen sind. Im Falle eines Falles, heißt es in der Broschüre abschließend, solle man schnellstmöglich einen Baum zwischen sich und den Elch bringen: „Ein Mensch kann schneller um einen Baum laufen als ein Elch, denn der hat einen größeren Wendekreis."
Allerdings sind Elche nicht nur aufbrausend, sondern auch bequem. So bequem, dass sie ab einer Schneehöhe von einem Meter lieber auf den geräumten Straßen wandern, als durch den Wald zu stapfen. Die Folge: ein Stau-Anstieg von 60 Prozent. Der Naturschutzbund empfiehlt dazu übrigens „Strategie 1" im Umgang mit wandernden Elchen: „Bewahren Sie Ruhe". Laute Beschimpfungen könnten missverstanden werden. Und wehe dem, der dann nicht schnell genug einen rettenden Baum findet!