Die Ferienmacher — eine satirische Typologie
Playstation für Fortgeschrittene:
Der Fluglotse
Sie haben das ganze Jahr Ferien, turnen
fast alle unter Dauersonne herum, sind immer bester Laune. Sie sind die Macher
unseres Urlaubsgglücks. Von der Stewardess bis zum Animateur, vom Zimmermädchen
bis zum Reiseleiter: eine satirische Typologie.
Diesmal: der Fluglotse.
Der Mann ist im Grunde so
etwas wie ein Pilot, der in einem Turm herumhockt statt abzuheben: einer, der
freiwillig auf Glamour und Schulterstreifen verzichtet hat, nach Feierabend
lieber auf dem heimischen Sofa „Tatort" guckt als nach langen Flügen die Nächte
in fremden Städten zu verbringen und dabei an der Stewardess herumzufingern.
Einer, der lieber in Schlabber-Shirt und Uralt-Jeans herumläuft als in draller
Uniform. Und einer, der noch mehr Stress und Wahnsinnsverantwortung hat als der
Typ im Cockpit –obwohl die Fallhöhe eine andere ist.
Bis in den Traum hinein sieht der Fluglotse nichts als grüne Streifen,
aufleuchtende Punkte und fluoreszierende Kreuze vor schwarzem Hintergrund. Den
ganzen Tag über starrt er in eine düstere Konsole und auf einen schimmernden
Monitor. Und was da als Gewirr von Linien und Schraffuren leuchtet und aussieht
wie der computeranimierte Schnittmusterbogen aus einer Näh-und
Strickzeitschrift, sind Flugzeuge am Himmel: auf unterschiedlichen Höhen, mit
verschiedensten Zielen, rund um die Uhr, kreuz und quer.
Dabei kann er anders als bei der Playstation zuhause nicht am Joystick
herumjuckeln und so die Flugzeuge auseinanderhalten und ihrem sicheren Ziel
zuführen, sondern ähnlich wie ein Psychologe nur durch beruhigendes Zureden
Einfluss nehmen: Auf Englisch muss er in sein Mikro hineinkauderwelschen und
hoffen, dass die Brüder am Himmel ihn verstehen und tun, was er sagt.
Gleichzeitig muss er raten, was sie wohl meinen, wenn sie in beizeiten klanglich
und von der Wortwahl her extrem freier Ausle-gung der englischen Sprache
antworten.
Fluglotse will nur werden, wer
im Mathematikunterricht an der Schule als einziger noch aufgepasst hat, als es
um Vektoren-Rechnung ging — und anders als die Mitschüler den Krempel sogar
begriffen hat. Im Idealfall wird stets der Klassenbeste aus jedem Pilotenkurs
Fluglotse — und kriegt zur Belohnung vom Schulleiter einen Karton ausgeleierter
Pullis, zehn T-Shirts und zwei Jeans, um künftig stets adäquat gekleidet zu
sein.
Wichtigste Eingangsvoraussetzung in den Job: auf gar keinen Fall Roger mit
Vornamen heißen! Und falls doch, dann bloß nicht während des Dienstes im
Funkverkehr mit Vornamen melden! Denn jedes „roger" zu viel sorgt nur für
Irritation auf der himmlischen Gegenseite—ein Missverständnis, und der Flug
könnte ungewollt over sein.
(Helge Sobik)