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Offizieller Bericht zum DAV-Kongress 98 in Heidelberg

 

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ber den Umgang mit Dichterstolz (Horaz, carmen 3,30)

 

„Er ischt aber auch hochmtig g'wese und hat sich fr den grschte Dichter g'halte. Aber seine Gedicht' sind arg hochgetrage und nix fr d'Landleut." (Bertaux, 226) Das bekommt am Beginn unseres Jahrhunderts ein Besucher des Hlderlinturmes in Tbingen von jener Frau zu hren, die als Kind die Milch ins Haus brachte.

Und was widerfhrt dem Altphilologen, wenn er die seltene Gelegenheit hat, seinen geliebten Horaz unter die Leute zu bringen? Soll er sich dann hinter den ausnehmend selbstbewussten Rmer und sein carmen 3,30 stellen? Ob nun Hlderlin oder Horaz - der Milchfrau ist nicht leicht Bescheid zu geben. Wird es Schlern und ihren Eltern gegenber wesentlich leichter sein?

Als ich vor einiger Zeit Gelegenheit hatte, junge Erwachsene auf das Kleine Latinum vorzubereiten, habe ich nicht gezgert, sie (natrlich viel zu frh!?) mit carmen 1,9 und 1,11 bekannt zu machen. Solche Gedichte hatten mir nmlich ein Mangelerlebnis beschert: Man msste Latein lernen, um das erst recht genieen zu knnen! Mit carmen 3,30 drfte man es als Vermittler um einiges schwerer haben: es ist nicht nur „arg hochgetrage", um die Milchfrau zu zitieren; man ist auch noch in der Not, jenen nicht geringen Anspruch, den Horaz gerade in diesem Gedicht artikuliert (sonst ist er ja oft liebenswert bescheiden!), erklren oder gar verteidigen zu mssen. Ist er nicht auch „hochmtig g'wese"?

Es hinge einiges davon ab, den Dichterstolz des Horaz erst einmal in seinem Kontext zu verstehen, zumal im Kontext der mehr oder weniger traditionellen Formensprache, auf die sich Horaz bei der Proklamation seines Stolzes bezieht, die auch seinen gebildeten Zeitgenossen prsent war und an der sie sich zuweilen auch selbst als Dichter versuchten. So htte man dann auch eine bessere Ausgangsbasis fr eine adquate bersetzung des Gemeinten (in seinem Horatius Travestitus hat brigens Christian Morgenstern einen Vorschlag gemacht, mit dem eine Auseinandersetzung durchaus lohnte). Dazu mchten die folgenden Ausfhrungen einen kleinen Beitrag leisten: Der geneigte Leser sei eingeladen zu einem kleinen Streifzug durch die Welt der antiken Epigrammkunst, in der Hoffnung, dass dieser Streifzug auch fr ihn am Ende sich als „Beutezug" entpuppt fr eine vertiefte Interpretation von carmen 3,30!

Seit dem Aufkommen des Buchepigramms in Griechenland am Ende des 4. Jh. v. Chr. waren das Grabepigramm, wie auch das spter zu errternde Weihepigramm (vgl. Beckby I, 442f.), nicht selten freigewhltes Thema literarischer Bettigung, ja selbst vom Charakter der Aufschrift konnte es sich lsen (vgl. Beckby I, 30). Carmen 3,30 kann dementsprechend als Buchepigramm aufgefasst werden. Beckby beobachtet, dass das Lob der fraglichen Person auf griechischen Grabepigrammen seit der Zeit nach 450 v. Chr. „viel breiter, intensiver und rauschender" zum Ausdruck gebracht werden kann (Beckby I,15). Es entsteht eine eigene Formensprache. Wen wundert es, dass die Epigrammdichter gerade fr Dichterkollegen besonders warme Worte finden, so z. B. Kallimachos fr den verstorbenen Herakleitos (A.P. 7,80)?

[...]~J O

\ ^, ޷

 K M ~, Bt Ž

^L \ ž ™M .

[...] Nun bist du, / Trauter aus Halikarnass, lange schon irgendwo Staub;


doch deine Lieder, sie leben, die Nachtigallen, und niemals / legt, der alles entrckt, Hades die Hnde auf sie.

(Beckby)

Doch fr den reichen Krethon hat ein anderer groer Epigrammdichter, Leonidas von Tarent (310-240 v. Chr.), nur wohlgewhlte Worte des Bedauerns: einst konnte zwar Krethon dem Gyges Konkurrenz machen, alle priesen ihn glcklich - jetzt ist er nur noch Staub (A.P. 7,740). Andererseits wei man leider auch, dass selbst von vielen Musenshnen kaum mehr bleibt. Mit der wehmtigen Resignation des Epigonen preist Antipatros von Sidon die \ und ihre Dichterin (A.P. 7,713):

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 \ ~ N ~

B, , .

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Wenige Verse nur schrieb und wenige Lieder Erinna, / aber dies kleine Gedicht haben die Musen geweiht.

Darum wird man auch nie ihren Namen vergessen, und niemals / hllen der dunklen Nacht schattende Flgel sie ein.

Wir aber heut, Myriaden von neuen Sngern, wir fallen, / Scharen um Scharen, mein Freund, bald dem Vergessen anheim.

Ser als Krchzen der Dohlen, von dem im Frhling die Wolken / hallen, ertnt des Schwans kurzer, bezaubernder Sang. (Beckby)

In den Kommentaren zu Horaz, carmen 2,20 und 3,30, findet man die Nachweise fr die Beliebtheit des Topos von der Unsterblichkeit des Dichters in seinem Werk (vgl. z. B. Syndikus, I, 480f.). Doch so beliebt es ist, groe Dichterkollegen derart zu rhmen, so vergleichsweise selten geht man das Risiko ein, den Topos auf sich selber anzuwenden und dann vielleicht doch nur als Dohle zu enden. Sappho hatte derartiges gewagt und Ennius verfasste fr sich sogar einen entsprechenden Grabspruch, den Cicero berliefert (Tusc. 1,15,34 und 1,49,117). Aber wie Horaz seinen Anspruch in carmen 3,30 vortrgt, ist derart, dass man der Suche nach Vorbildern nicht recht froh wird („Eine so stolze Selbstrhmung findet sich, soviel ich sehe, bei griechischen Dichtern, soweit uns ihre Texte erhalten sind, nicht [...]."; Pschl, 248, zu carmen 3,30) oder dass man es fr notwendig erachtet, den geliebten Dichter ein wenig in Schutz zu nehmen („Der selbstbewut vorgetragene Anspruch [...] mag manchen Leser, der den unprtentisen, selbstironischen Horaz liebt, befremden."; Syndikus, I, 489, zu carmen 2,20).

Nun hat man lngst festgestellt, „dass sich Horaz durch das hellenistische vielfach fiktive Grabepigramm, das bisweilen wohl ebenfalls als Buchschlu diente, hat anregen lassen." (Korzeniewski, 32) So haben die ersten beiden Worte von carmen 3,30 Signalwirkung: „exegi monumentum" klingt fr den antiken Leser wie eine Variation des in Grabepigrammen blichen feci, aedificavi, apsolvi monumentum (vgl. Nachweise ibid.; vgl. auch Heinze, 382). Das sich selbst zu Lebzeiten bereitete Denkmal, worauf das „exegi" bei Horaz anspielen drfte, ist durchaus blich (vgl. z. B. CIL I, Nr. 1713; XI 961; A.P. 7, 228. 330. 417-419). Das Pochen auf die eigene Leistung ist in antiken Grabepigrammen gemeinhin akzeptiert. „Die vorurteilhafte Scheu vor dem Selbstlob kannte man da [...] nicht." (Pfohl, 27). So zeigen etwa die Grabinschriften der Scipionen oder die der Claudia (CIL I 6ff. und 1211) nichts von einem Tabuverbot, die eigenen Verdienste in der 1. P. Sg. vorzufhren. Dass die Vorfahren und die Heimatgemeinde auf einen stolz sein knnen, darf ebenso herausgestellt werden wie die Tatsache, dass man etwas als erster vollbracht hat (vgl. einige Beispiele bei Korzeniewski 33f. und auch A.P. 9,598.600). Wenn ein Kind oder Erwachsener ohne nennbare Verdienste stirbt, ist es sogar mglich, den Ruhm der Vorfahren „ersatzweise" anzufhren - eine Mglichkeit brigens, die einem Mann wie Horaz gerade nicht zu Gebote steht (vgl. CIL I, 12; XI, 6334; XIV, 3606). Entsprechende Elogien von Musenshnen sind jedoch nicht eben hufig anzutreffen. Man hat aber, neben dem Grabspruch des Ennius, im griechischen Bereich ein Grabepigramm ausfindig machen knnen (vgl. Pasquali, 317ff.), das den eigenen Nachruhm reflektiert, wenn die Verfasserschaft des Leonidas von Tarent auch nicht unumstritten ist (A.P. 7,715; vgl.

Beckby II, 607; vgl. auch A.P. 7,326 mit A.P. 7,325 und 16,27):

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f, \ ~M N f.

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Fern von Italien lieg ich und fern von der Erde der Heimat, / von Tarent - das ist bittrer mir noch als der Tod.

Ach, solch schweifendes Leben kann Leben nicht heien. Doch liebten / mich die Musen, ein Trost, der mir den Kummer verst.

Und des Leonidas Name vergeht nicht; die Gaben der Musen / werden mir Herolde sein bis an das Ende der Zeit." (Beckby)

Die stolze Selbstaussage, nicht nur eine „Dohle" zu sein, ist hier jedoch, vergleicht man etwa Ennius, durch den Verweis auf die schenkenden Musen gleichsam gedmpft. Welche Rolle die Muse in carmen 3,30 fr die superbia des Horaz spielt, wird weiter unten zu klren sein.

Epigrammdichter haben Mittel und Wege gefunden, den Topos ,Unsterblichkeit des Dichters in seinem Werk` noch wirkungsvoller auszugestalten. Man kann z. B. die Wirkung durch eine Kontrastierung mit dem Schicksal gewhnlicher Denkmler erhhen. So versucht etwa Tullius Laureas (oder Laurea), ein Freigelassener Ciceros (vgl. Beckby I, 41; Kl. Pauly s. v. Tullius I. Nr. 15), dem beliebten Nachrufthema „Sappho" neuen Reiz zu geben (A.P. 7, 17):

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J ~ f , f K

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n ™B , w ~\ Š

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‰ ‰ š.

Gehst du an meinem Grab im aiolischen Lande vorber, / nenne die Sngerin, Freund, aus Mytilene nicht tot.

Menschenhnde erschufen dies Grab und Denkmal, und solche / Werke der Sterblichen fliehn rasch der Vergessenheit zu.

Prfst du mich aber nach dem, was die gttlichen Musen mir gnnten, / die neun Blumen dem Werk meiner neun Bcher geschenkt,

siehst du, mich traf nicht das Dunkel des Hades: nie kommt eine Stunde, / da man die Lyrikerin Sappho mit Namen nicht nennt. (Beckby)

Das wird noch eindrucksvoller, wenn man die Zeit als allesverschlingenden Widerpart auftreten lsst (A.P. 7, 225; vgl. 16,334):

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d M \ š, b N ~@

N e, ™ .

j L S ~M ž J ~J

~ œ, n ™B, .

Selbst einen Felsen zernagt die Lnge der Zeit, sie verschont auch / nicht das Eisen und mht alles im nmlichen Schwung.

So auch das Grab des Laertes, das nur noch vom strmenden Regen / hier, nicht fern vom Gestad, khl eine Spende empfngt.

Ewig frisch aber bleibt der Name des Heros: nie breitet, / ob sie auch wollte, die Zeit Nacht ber Dichters Gesang. (Beckby)

Der Dichter - wahrscheinlich Antiphilos von Byzanz, einer der bekannteren Epigrammspezialisten der Zeit des Augustus (vgl. Beckby I, 42 und II 583; vgl. Kl. Pauly s. v. Antiphilos 2.) - hat sich mglicherweise ebenso wie Horaz von Formulierungen bei Simonides und Pindar (vgl. die Nachweise zuletzt bei Syndikus II, 276) inspirieren lassen. Sein ~M (vgl. auch A.P. 9,522) ist dabei offensichtlich ebenso wie das usque ego postera crescam laude recens, dum ... des Horaz ein Versuch, die bliche Formulierung zu variieren. Das allzu abstrakte ~M hat Horaz durch einen konkreten Temporalsatz vermieden, ein Kunstgriff, den man etwa auch bei Theognis, Kriton (vgl. die Nachweise bei Syndikus, II, 277) und Vergil (Aen. 1,607-609 und 9,446ff.; vgl. Korzeniewski 33) finden kann (zur Formulierung des Horaz vgl. vor allem Fraenkel, 358f.).

Das Werk des Musensohnes lsst sich natrlich nicht nur bezglich der Dauerhaftigkeit, sondern auch der Beweglichkeit (Pindar, N. 5,1ff.; vgl. Syndikus, II, 276, Anm. 24), der Schnheit (Isokrates Antid. 7; vgl. Pschl, 248f.), schlielich der Gre den Denkmlern aus Stein oder Erz entgegenstellen. Der Bezug auf die Gre ist in hellenistischen Epigrammen besonders beliebt (vgl. etwa A.P. 7,84 (fr Thales); 7,240 (fr Alexander den Groen); 7,136 (fr Priamos); 7,137 (fr Hektor); 7,45-47 (fr Euripides)). Der Epigrammdichter macht sich dabei gleichsam auf die Suche nach einem Denkmal von angemessener Gre, um den Prominenten zu ehren. Zu Recht erinnert Korzeniewski bei seiner Behandlung von carmen 3,30 auch an den „hellenistischen Architekturgeschmack": „Man braucht nur an die hochgezogenen zylindrischen Grabtrme zu erinnern, das Grab der Caecilia Metella an der Via Appia (67 v. Chr.) und das der Gens Plautia am Ponte Lucano bei Tivoli (frhe Kaiserzeit)." (Korzeniewski, 31; vgl. weitere Beispiele ibid., Anm.1).

Tullius Geminus, ein epigrammbegeisterter Rmer (consul suffectus 64 n. Chr.; vgl. Kl. Pauly s. v. Tullius II. 2.), zieht bei der Verwendung dieses Topos gewissermaen das letzte rhetorisch- theatralische Register, wenn er den toten Prominenten sich hchstpersnlich (in einer sermocinatio, fictio personae, oder auch œ , vgl. Lausberg, 820-826) beschweren lsst (A.P. 7,73):

\M K ^, K \ ™M

@

M C N G

M .

\ ^ M ™ f

~. N ™;

Statt dieses klglichen Grabs nimm Hellas! Wirf Kiele als Sinnbild / fr die Vernichtung der Macht persischer Schiffe darauf!

Mach zum Sockel der Gruft den barbarischen Heersturm und Xerxes! / Dann erhltst du das Grab, wie es Themistokles ziemt.

Salamis trme als Denkstein, der soll meine Taten berichten! / Sagt, warum macht ihr das Grab fr meine Gre so klein? (Beckby)

Wenn also Horaz betont, sein Dichterwerk gebe ein greres monumentum ab als die Pyramiden, so ist das fr den antiken Leser jedenfalls nicht abwegig oder schlechthin anstig. Eher wird er sich gefragt haben, ob die Nachwelt einen solchen Anspruch besttigen werde. Vielleicht wird er auch die khne Selbstaussage bewundert haben, mit der der stolze Dichter ein Risiko auf sich nimmt, das angesichts der Pyramiden nicht gerade gering ist, zumal wenn man folgendes Epigramm hinzunimmt, dessen letzte Zeile an carmen 1,1,36 erinnert (A.P. 9,710; Verfasser unbekannt):

G ™\ žC M 

L  ‰ ~

\ f e

~ .

Dass man den Ossa dereinst und den Pelion auf den Olympos / trmend gestlpt hat, ist Schwatz, den eine Sage erzhlt.

Die Pyramiden jedoch am Nil recken heut noch die Spitzen / bis zu des Siebengestirns goldenen Sternen empor. (Beckby)

Vergleicht man also carmen 3,30 mit der Formensprache antiker Grabepigramme, so verliert das Gedicht erheblich von dem Geruch des Auerordentlichen, den es fr einen modernen Leser haben mag, fr den Selbstlob einer Tabuverletzung gleichkommt.

Mit diesem Fazit werden allerdings die zweieinhalb Schlusszeilen des Gedichtes samt den Problemen, die sie aufwerfen, unterschlagen. Ihr Gehalt lsst sich nicht einfach mit Aussagen in Grabepigrammen parallelisieren (gegen Korzeniewski, 34). Zwar ist die Anrede an eine Person als dialogisches Element seit dem 5. Jh. v. Chr. in Grabepigrammen nachweisbar (vgl. Beckby, I,16). Auch findet sich in Grabepigrammen immer wieder der Bericht ber die verdienstvollen Taten und die Beschreibung der Art des Nachruhmes mit einer Schlussbitte vereint, die sich an die Vorbeigehenden richtet (zwei derartige Beispiele bei Korzeniewski, 34). Doch nach einem Gebetsanruf als Schlussbitte (vgl. das Signalwort „volens" und die Parallelen dazu bei Syndikus, II, 280, Anm. 52), der dem des Horaz vergleichbar wre, schaut man sich im Bereich der Grabepigramme weitgehend vergeblich um (christliche Grabepigramme, wie A.P. 15,29, bleiben auer Betracht), mag A.P. 7,36 immerhin auch als eine Reihe guter Wnsche fr Sophokles formuliert sein, deren letzter lautet: „dass [...] ewig ein Kranz grn dir die Locken umsumt" (verfasst von Erykios von Kyzikos, um 40 v. Chr.; vgl. Beckby IV, 758).

Die Nhe der vorangehenden dreizehneinhalb Zeilen zum Grabepigramm lie Heinze carmen 3,30 als „gleichsam eine Aufschrift fr das monumentum" des Dichters deuten. Doch die Rede von einem „monologisch empfundenen, durch die Anrede an die Muse nur scheinbar darber hinausgehobenen" Gedicht (Heinze, 382), lsst Fragen offen. Numberger geht noch einen Schritt weiter: „Die Ode ist uerlich der Melpomene (v.16) gewidmet" (Numberger, 317). Die Rede von „scheinbar" und „uerlich" verrt das kaum bewltigte Problem: Ist carmen 3,30 ein selbstbewusster Monolog, dem am Ende in einer Art Apostrophe eine Musenanrede angehngt ist, oder hat die Musenanrede greres Gewicht? Man mag mit Kroll so manche Anrede bzw. Widmung im Bereich der Oden des Horaz fr eher konventionell und ohne Schaden fr das Gedichtganze austauschbar halten, ja fr „eine unorganische Zutat, die ebensogut wegbleiben knnte" (Kroll, 232), die nur dazu da ist, „das Gedicht konkreter und persnlicher zu machen" (ibid.). Vor der Anwendung einer solchen Erklrung warnt im Falle von carmen 3,30 jedoch bereits, dass Horaz in seiner Schlussbitte eine - zumindest im rmischen Kontext - „berraschende Erfindung" (Heinze, 385) in Gestalt des poeta laureatus prsentiert, die noch dazu am Ende des ganzen Gedichtbuches zu stehen kommt. So hat sich Fraenkel ausdrcklich dagegen verwahrt, die „Schlubitte" in carmen 3,30 als „bloe poetische Konvention" misszuverstehen. Horaz habe empfunden, „da die Inspiration, die ihn groe Dichtung schreiben lie, nicht mit Wendungen von gewhnlichen menschlichen Fertigkeiten erklrt werden konnte; er war berzeugt, sie komme vom Himmel" (Fraenkel, 362). Aber wie uert sich diese berzeugung in carmen 3,30?

Das Gedicht hat gerade dadurch Ansto erregen knnen, dass hier das Pochen auf die eigene Leistung den Geschenkcharakter berspiele: Die Aufforderung des Dichters an die Muse, „den Stolz, den ihm der Ruhm seiner Gedichte gewhrt, sich anzueignen, ist ein so seltsamer Gedanke, wie nur mglich" (Mueller, 340f). Mueller zitiert carmen 1,26,9 „nil sine te mei prosunt honores", um zu zeigen, wie Horaz sonst sein Verhltnis zur Muse beschreibt: Horaz sehe sich dort ganz auf die Muse angewiesen. Auch das sptere carmen 4,3 htte Mueller heranziehen knnen, wo man liest: „totum muneris hoc tui est" (v. 21; vgl. auch carmen 4,6,29f.). So erscheint die Aufforderung an die Muse, die „superbia" anzunehmen, „als die grsste Anmassung. Man erwartet also vielmehr einen Ausdruck wie: zrne meinem durch Verdienste erworbenen Stolze nicht, und davon wird die Emendation auszugehen haben" (Mueller, 341). Es gibt jedoch einen deutlichen Unterschied zwischen der Art der Ansprache an die Gottheit in carmen 1,26 (vgl. auch 4,3 und 4,6) und in carmen 3,30. Fr den Kontext von carmen 1,26 stellt Syndikus fest: „Hymnisch sind der feiernde Relativsatz in Vers 6f. und die Anrede mit dem preisenden Attribut in Vers 9" (Syndikus, I, 255). Entsprechendes gilt auch von carmen 4,3 und 4,6 (vgl. Syndikus, II, 313 und 347). Carmen 3,30 ist jedoch nicht den Formgesetzen des Hymnus verpflichtet. Was im Hymnus anmaend klnge, kann in einem anderen genus, das andere Aspekte wahrgenommener Wirklichkeit zur Sprache bringt, akzeptiert sein.

Auf jeden Fall ist es Horaz mglich, einerseits zu bekennen „totum muneris hoc tui est", (carmen 4,3,21), und andererseits (zumal im Gegensatz zum Gelegenheitsdichterling) die in Schwei und Mhen entstandene Leistung des Dichters herauszustellen (vgl. epist. II,1,93ff. 161ff. 221ff.; 2,65ff.; 3 passim). Ob und wie beide Aspekte in carmen 3,30 prsent sind, ist durchaus umstritten. Symptomatisch dafr ist die Unsicherheit bei der Deutung der merita in Zeile 15: Ist die Leistung des Horaz oder der Gnadenerweis der Muse (meritum im Sinne von beneficium, wie etwa bei Cicero, Catil. 3,15; vgl. dazu ThLL s. v. ,meritum`, Bd. VIII, Sp. 815) gemeint? In einem Grabepigramm mag man zuerst „meritis meis" zu verstehen geneigt sein, doch das oben zitierte Epigramm A.P. 7,715 weist wiederum in die andere Richtung.

Aber wie hat man nun die Aufforderung sume superbiam quaesitam meritis in carmen 3,30 zu verstehen, wenn sie sich vom Grabepigramm her nicht begreifen lsst? Hier knnte nun ein Blick auf die Formensprache antiker Weihepigramme weiterhelfen. blicherweise wird die Weihung als vollzogen protokolliert, z. B. in A.P. 7,53, das den sagenhaften Dichteragon zum Thema hat:

^ ^ \ ~

VC ™ D.


Ich, der Hesiodos, weihte hier diesen [Dreifu] des Helikons Musen, / als ich im Singen zu Chalkis den hehren Homeros besiegte. (Beckby)

Doch es gibt im Bereich der Buchepigramme daneben andere Aussageformen. So kann die Weihung auch nur durch eine Aufforderung oder Bitte um Annahme (z. B. oder angesprochen werden (vgl. A.P. 6,12. 19. 23. 40. 55. 77f. 178. 190f. 225. 243. 253. 274. 286. 300. 334), von weiteren mglichen Variationen des Ausdrucks ganz zu schweigen, die sich der Freiheit hellenistischer Dichter gegenber traditionellen Mustern verdankt. In dieser Hinsicht wre es also mglich, das sume superbiam quaesitam meritis in carmen 3,30 auf einen Weiheakt zu beziehen.

Was Mueller in carmen 3,30 als anmaend empfand, liee sich so im Kontext eines auch sonst belegbaren Dichterbrauchs verstehen, den vielleicht Hesiod als erster bte (vgl. Erga vv. 654-59). Mit welcher Intention eine solche Weihe erfolgen kann, spiegelt etwa das folgende Epigramm (A.P. 6,338; Verfasser: Theokrit von Syrakus):

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k ‰, N ,

ž Š ™. A \ ™M A@

u f ž ™.

Euch, ihr gttlichen Neun, euch allen hat Xenokles heute

dieses marmorne Werk dankbaren Herzens geweiht,

er, der Musen Geno. Das bestreitet ihm keiner. Und weil ihm / Ruhm dieses Knnen gebracht, denkt auch der Musen er selbst. (Beckby)

In dieser Weise thematisieren die Epigramme immer wieder die bereignung der im musischen Agon errungenen Preise oder darauf Bezug nehmender Votivgaben (vgl. A.P. 6,213. 339; 7,53), ganzer Kunstwerke (z. B. eine Statue; A.P. 6,260) oder auch der verwendeten Instrumente (z. B. ein Barbiton; A.P. 5,201). Dabei wird weder die Tatsache der Begnadung noch die menschliche Leistung berspielt: der Musensohn, im Genuss der Frchte seines Knnens, gedenkt der Musen, die ihn zu seinem Knnen verhalfen. Die Pioniertat des Horaz (princeps Aeolium carmen ad Italos deduxisse modos) wre in diesem Kontext etwas, das nicht nur das groe Knnen des Dichters dokumentiert, sondern auch als eine groe Begnadung erscheint. Das Letztere kann sich in einer bereignung an die Muse artikulieren: nimm (meinen) Stolz, weil ich (ihn) durch dein Verdienst erlangt habe! (meritis knnte prinzipiell auch auf das Prdikat bezogen werden: nimm verdientermaen; vgl. das in Weihepigrammen anzutreffende merito, z. B. CIL I 972; vgl. auch Heinze, 382).

Doch wie steht es mit der bei Horaz unmittelbar folgenden Bitte um den Lorbeerkranz? Syndikus will die Bitte des Horaz weniger als die Kundgabe einer Begnadung (vgl. Lucr. 1,930 und Properz 3,1,19f.) verstehen, sondern eher als Anerkennung dafr, dass Horaz „sich wahrhaft als Dichter ausgewiesen hat, da er den Dichternamen im hchsten Sinne verdient." (Syndikus, II, 281) Im Hintergrund stehe letztlich der Ehrenkranz der Pythischen Spiele (vgl. ibid.). Allerdings lsst sich auch um einen solchen Ehrenkranz wie um eine besondere Gunst bitten (A.P. 6, 313; Bakchylides an Nike):

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 N

œK ™, \ ™ ~ @

C ~ B .

Schau, du Tochter des Pallas, vielnamige, gttliche Nike, / auf des kranischen Volks liebliche Chre voll Huld

immer hernieder und schlinge dem Keer Bakchylides vielmals / bei dem musischen Spiel Krnze des Sieges ins Haar. (Beckby)

Eine solche Bitte kann sich im Kontext des Weihepigramms sogar einem do ut des nhern (A.P. 6,279; Verfasser: Euphorion; 3. Jh. v. Chr.):

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C k ~.

~M  , ^, ™

‰ ~M N ~.

Als Eudoxos sein herrliches Haar sich erstmals geschoren, / weihte er Phoibos die Pracht, die seine Kindheit geschmckt.

Gib ihm anstelle der Locken, Ferntreffer, als Zierde den Efeu, / der seit ewiger Zeit stets in Acharnai ergrnt. (Beckby)

Eine zum Weiheakt selbst hinzukommende Bitte an eine Gottheit ist, zumindest im Buchepigramm, berhaupt recht beliebt (vgl. A.P. 6,16. 34. 63. 68. 89. 91. 102. 106. 155 usw.), sei sie nun konkreter oder ganz allgemein auf das eigene Wohlergehen bezogen (vgl. z. B. A.P. 6,158 [Mehrung der Herde, der Quelle, des Weines]; 6,189 [Schutz im allgemeinsten Sinne]; 6,137. 138. 280. 346 [Gnade]; 6, 202. 269 [Ruhm]). Es ist ja ganz menschlich, sich durch ein Geben zu einer Gegenbitte berechtigt zu fhlen, indem man gleichsam das Eisen schmiedet, solange es noch hei ist (A.P. 6,13. 17. 42. 75. 80. 99. 105. 118. 154. 182. 187; ausdrckliches do ut des etwa in CIL I 364; Gelbde werden nur zuweilen erwhnt, z. B. A.P. 6,41. 146f. 157. 231. 242. 301; vgl. auch CIL I 972; XIII 6474).

Auch in der folgenden Schlussbitte um einen (weiteren) Siegeskranz ist nicht der Leistungsaspekt, sondern der Gnadenaspekt (mehr oder weniger mit einem do ut des verbunden) thematisch. Das Epigramm stammt nach Beckby vermutlich von einem rmischen Zeitgenossen des Horaz, Marcus Argentarius (vgl. Beckby, I,41 und 694; IV, 756). Es bewegt sich ganz in der gngigen Formensprache des Weihepigramms, wie man sie in der Anthologia Graeca zu Hunderten finden kann, jedoch rhetorisch angereichert durch eine f (vgl. Lausberg 810. 1133) der Weihegegenstnde (A.P. 6, 246):

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Schrittefrdernde Stacheln, der nsternliebende Maulkorb, / zhnetragender Schmuck, Pferden die Zierde der Brust,

dieser Striegel zum Strhlen des Fells, eine Peitsche, die kecken / Knall gebrend dem Pferd ber den Rcken sich strzt,

und diese weidene Gerte: das ist es, Poseidon, was Charmos / dir im Vorflur geweiht, da er am Isthmos gesiegt.

Du aber, Dunkelgelockter, o nimm es und setz auch zur groen / Olympiade Lykins Sohne den Kranz auf das Haupt. (Beckby)

Hier wird die gttliche Gunst fr die Siege verantwortlich gemacht - in einer Gebetsbitte verstndlich. Damit soll jedoch die Notwendigkeit der Anspannung aller Krfte seitens des Menschen sicherlich nicht geleugnet werden.

Jedenfalls lsst sich in den Bitten um den Siegeskranz, wie sie sich im Bereich der Epigrammkunst finden, ein Vorherrschen des Leistungsaspektes nicht entnehmen. Der Gnadencharakter steht durchaus im Vordergrund. Und dies drfte auch im Falle von carmen 3,30 so sein, falls es denn richtig ist, die Schlusszeilen dieses Gedichtes nach Formensprache und Gehalt zu den Weihepigrammen in Beziehung zu setzen. Auch das von Horaz verwendete volens wre dann mehr als bloe Konvention oder gewahrte Etiquette.

Die vorliegende Untersuchung hat carmen 3,30 vorwiegend anhand der Frage nach erkennbaren Vorbildern behandelt. Unter diesem Blickwinkel erscheint das Dichterwerk weitgehend als Kombination bereitliegender Formelemente, ohne dass die Leistung des Dichters dadurch geschmlert wrde: „Jede reife Kunst hat eine Flle Convention zur Grundlage: insofern sie Sprache ist. Die Convention ist die Bedingung der groen Kunst, nicht deren Verhinderung [...]." (Nietzsche, 297).

Es wre allerdings verfehlt, carmen 3,30 nun entsprechend auch einer traditionellen Gattung um jeden Preis zuordnen zu wollen. Horaz hat jenen Abstand zur literarischen Tradition, der fr einen bedeutenden Teil der hellenistischen Dichtung typisch ist. Dieser Abstand kann sich verschieden auswirken: Traditionelle Muster fristen bei den bloen Nachahmern nur noch „ein Scheindasein" (Kroll, 202) im Bemhen um immer neue Variation des Altbekannten. Zugleich bemchtigt sich aber die Experimentierlust der alten Formen und Stoffe, die neue Effekte zu erreichen sucht. Daneben findet sich aber auch die eindringliche Suche nach Formen, in denen Aspekte wahrgenommener Wirklichkeit zur Sprache gebracht werden knnen, und die gerade darum die traditionellen Formen nicht verachtet, sondern auf ihren Wert fr die eigene Gegenwart sorgfltig prft - etwa so, wie es Walter Jens ber Lessing gesagt hat: Dem ginge es nicht einfach „um Bewahrung des Gestern, sondern um jene Rettung des Heute, die den Anverwandler keinen Imitator, sondern einen Knstler gleichen Ranges sein lie [...]." (Jens, 247)


Die Freiheit gegenber der Tradition zeigt sich nun u. a. in dem, was etwa Kroll als „Kreuzung der Gattungen" behandelt hat (ibid.). Ein Beispiel ist Horaz' carmen 3,22, „ein Mittelding zwischen Weihepigramm und Hymnos" (Kroll, 209; vgl. Fraenkel, 239). hnlich steht es mit carmen 3,13 (vgl. Fraenkel, 240f.) und dann auch, wenn die oben gegebene Deutung richtig ist, mit carmen 3,30, bei dem Grab- und Weihepigramm Pate gestanden haben.

Anders als viele der Epigramme, die in der Anthologia Graeca versammelt sind, ist carmen 3,30 kein unverbindliches Spiel, kein Experiment, das beweisen soll, was sich alles aus traditionellen Formen machen lsst. (Oben war Gelegenheit, auch einige Beispiele rmischer Zeitgenossen des Horaz zu zitieren. Angesichts solcher griechischsprachiger (!) Epigramme lsst sich die Leistung des Horaz noch um einiges besser ermessen.) Vielmehr verlangt die Odensammlung I-III als geschlossenes Werk offensichtlich nach einem Epilog mit Aussagen, wie sie eben traditionellerweise im Grabepigramm einerseits, andererseits aber im Weihepigramm gemacht zu werden pflegen: der Hinweis an die Mit- und Nachwelt auf eine wie auch immer besondere und individuelle Lebensleistung einerseits, andererseits der Ausdruck fr die Gewissheit des Dichters, in all' dem von einer gttlichen Macht begnstigt worden zu sein. In diesem Epilog zeigt sich Horaz einmal mehr als „Anverwandler" (Jens), und zugleich feiert dieses Gedicht eine groe Anverwandlung, die Horaz gelungen ist, auf ganz eigene Weise. Das zeigt sich zumal dann, wenn man sein Gedicht mit anderen, zum Teil zeitgenssischen Gedichten vergleicht, wie es hier versucht worden ist.

Fr die Ermunterung zur Verffentlichung und wichtige Hinweise danke ich vor allem Gerhard Perl.

 

Bibliographie

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antikinitiale2.jpg (4138 Byte)  Reinhard Gruhl, Berlin